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24.03.2026 therapie MÜNCHEN

Training im Takt der Hormone? Interview mit Annalena Rettenmaier

Auf dem 2. Deutschen Rehasport-Kongress beleuchtet Sportwissenschaftlerin Annalena Rettenmaier, wie hormonelle Veränderungen Training und Belastbarkeit von Frauen beeinflussen. Im Interview gibt sie einen Einblick in zentrale Zusammenhänge und erklärt, was sich in der Praxis ändern sollte.

Warum wird der Aspekt, dass hormonelle Veränderungen den Trainingserfolg von Frauen beeinflussen, in der Praxis oft zu wenig berücksichtigt?

In der Trainingswissenschaft arbeiten wir historisch mit einem männlich geprägten Referenzmodell. Viele Belastungsnormative, Studiengrundlagen und Trainingsprinzipien wurden primär an Männern untersucht oder zumindest nicht geschlechtsspezifisch differenziert ausgewertet. Dieses strukturelle Ungleichgewicht, häufig als Gender Data Gap beschrieben, wirkt bis heute nach.

Hinzu kommt, dass der weibliche Zyklus und hormonelle Lebensphasen in vielen sporttherapeutischen oder trainerbezogenen Ausbildungen noch immer ein Randthema sind. Zyklusphysiologie wird häufig kurz gestreift, aber nicht systematisch in Trainingslehre und Belastungssteuerung integriert. Dadurch fehlt Fachpersonen oft die Sicherheit, hormonelle Einflüsse differenziert einzuordnen.

Übersehen wird dabei nicht, dass Frauen grundsätzlich „anders trainieren“ müssten. Muskelhypertrophie erfordert auch bei Frauen einen adäquaten mechanischen Stimulus, Progression und ausreichend Regeneration. Die trainingsphysiologischen Prinzipien bleiben bestehen.

Unterschätzt wird jedoch der regulatorische Einfluss hormoneller Schwankungen auf zentrale Systeme, etwa Schlafqualität, Thermoregulation, Schmerzverarbeitung, Band und Sehnenstabilität, Insulinsensitivität, subjektives Belastungsempfinden und Energieverfügbarkeit.

Wenn diese Zusammenhänge nicht mitgedacht werden, entstehen verkürzte Interpretationen. Leistungsschwankungen werden rein trainingsmethodisch erklärt. Gelenkbeschwerden werden ausschließlich mechanisch bewertet. Bei Erschöpfung wird eine mögliche hormonelle Beteiligung häufig nicht ausreichend berücksichtigt.

Das zentrale Problem liegt daher weniger im Trainingskonzept selbst, sondern in der fehlenden strukturellen Verankerung hormoneller Kontexte in Ausbildung, Forschung und trainingswissenschaftlichem Denken.

Was bedeutet zyklus- und lebensphasengerechtes Training konkret für den therapeutischen Alltag - etwa in der Reha oder im Gesundheitssport mit Frauen?

Zyklus- und lebensphasengerechtes Training bedeutet nicht, Trainingsformen je nach Phase auszutauschen, also beispielsweise in einer Zyklusphase Krafttraining und in einer anderen primär Entspannungs- oder Mobilisationsübungen zu empfehlen. Die trainingsphysiologischen Grundlagen bleiben bestehen. Muskelhypertrophie, Kraftzuwachs und strukturelle Anpassung erfordern auch bei Frauen einen ausreichenden mechanischen Stimulus, Progression und Regeneration.

Der Unterschied liegt daher weniger im Trainingsinhalt als in der Einordnung und Steuerung. Wenn hormonelle Kontexte bewusst mitgedacht werden, können Leistungsschwankungen, verändertes Belastungsempfinden oder neu auftretende Beschwerden differenzierter bewertet werden.

Gerade in der Perimenopause erleben viele Frauen ausgeprägte hormonelle Schwankungen, die sich auf Schlafqualität, Erschöpfbarkeit, Stoffwechsel und Körperzusammensetzung auswirken können. Auch Gelenk oder Muskelschmerzen treten in dieser Phase nicht selten neu auf und werden häufig rein mechanisch interpretiert, obwohl hormonelle Veränderungen eine mitbestimmende Rolle spielen können.

Für die therapeutische Praxis bedeutet das vor allem, Symptome nicht isoliert zu betrachten, sondern sie in einen physiologischen Gesamtzusammenhang einzuordnen und die Trainingsbelastung situativ anzupassen, ohne die grundlegenden Prinzipien aufzugeben.

Gleichzeitig ist es wichtig, die Bedeutung von Krafttraining über die gesamte Lebensspanne hinweg stärker in den Vordergrund zu rücken. Krafttraining ist kein Angebot nur für besonders ambitionierte Frauen und auch keine Maßnahme, die erst jenseits der Menopause relevant wird. Es ist ein zentraler Baustein metabolischer Gesundheit, muskulärer Stabilität und Knochengesundheit in jeder Lebensphase.

Mit zunehmendem Alter gewinnt es zusätzlich an präventiver Bedeutung, insbesondere im Hinblick auf Muskelmasse, funktionelle Leistungsfähigkeit und Osteoporoseprophylaxe.

Zyklus- und lebensphasengerechtes Training bedeutet daher nicht Reduktion oder Schonung, sondern eine informierte, individuelle und kontextbezogene Trainingssteuerung mit strukturiertem Krafttraining als durchgängiger Basis.

Was müsste sich aus Ihrer Sicht im therapeutischen Alltag, in der Ausbildung oder auch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung verändern, damit Hormon- und Zykluswissen stärker in die Trainingspraxis einfließt?

Neben strukturellen Veränderungen in Ausbildung und Forschung braucht es vor allem eine kulturelle Veränderung.

Wir müssen als Gesellschaft lernen, offener über Zyklus- und Lebensphasen zu sprechen. Noch immer wird der Menstruationszyklus entweder tabuisiert oder trivialisiert. Die Perimenopause wird häufig erst thematisiert, wenn Beschwerden massiv werden.

Für die Trainingspraxis bedeutet das: Kommunikation ist zentral. Nur wenn offen über Symptome gesprochen werden kann – ohne Scham, ohne Pathologisierung – können Trainerinnen, Therapeuten und Patientinnen gemeinsam Anpassungen vornehmen. Das betrifft beide Richtungen: Frauen müssen sich trauen, Veränderungen anzusprechen. Fachpersonen müssen ausreichend Wissen haben, um diese einordnen zu können.

Parallel dazu braucht es eine bessere wissenschaftliche Datengrundlage. Das Gender Data Gap ist real – insbesondere im Bereich Perimenopause und trainingsbezogene Interventionen. Langfristig sollte Hormon- und Zykluswissen selbstverständlich Teil der Trainingslehre sein – nicht als Sonderthema, sondern als integrativer Bestandteil geschlechtersensibler Gesundheitsförderung. Denn letztlich geht es nicht um „Spezialtraining für Frauen“, sondern um differenzierte, evidenzbasierte und respektvolle Trainingspraxis über die gesamte Lebensspanne.

Der Vortrag „Zyklische und lebensphasenspezifische hormonelle Veränderungen bei Frauen – Bedeutung für trainingstherapeutische Überlegungen“ findet am 19. Juni 2026 von 10:30 bis12:00 Uhr statt. Er ist Teil des 2. Deutschen Rehasport-Kongresses und kann mit einem Kongressticket besucht werden.

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