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Sinn oder Unsinn von manuellen Interventionen: Interview mit Rainer Spranz-Linke
Manuelle Therapie: Für die einen gehört sie weiterhin zum therapeutischen Handwerkszeug, für die anderen steht sie sinnbildlich für ein überholtes, zu stark biomechanisch geprägtes Denken. Im Interview spricht Rainer Spranz-Linke darüber, was an dieser Kritik berechtigt ist und wo sie zu pauschal wird.
Was hat dazu geführt, dass die Manuelle Therapie heute deutlich kritischer betrachtet wird als noch vor einigen Jahren? Und was geht in dieser Debatte verloren?
Vor 15 oder 20 Jahren war die konzeptgebundene Manuelle Therapie in der orthopädischen Physiotherapie tatsächlich so etwas wie der heilige Gral. Dass sie heute kritisch betrachtet wird, ist grundsätzlich auch berechtigt. Denn die Schmerzforschung hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten sehr deutlich gezeigt, dass der Körper nicht rein biomechanisch funktioniert, wie es früher oft vermittelt wurde. Gerade beim Thema Schmerz spielen zentrale Verarbeitungsprozesse, psychosoziale Einflussfaktoren und neuroorthopädische Aspekte eine wichtige Rolle. Es geht also nicht einfach nur um ein blockiertes Gelenk oder einen verspannten Muskel.
Zu pauschal wird es aus meiner Sicht dann, wenn daraus abgeleitet wird, dass Manuelle Therapie grundsätzlich keinen Platz mehr haben sollte. Ein Problem vieler Studien ist, dass sie Manuelle Therapie als Monotherapie untersuchen. Dann sind die langfristigen Effekte natürlich begrenzt. Für mich ist Manuelle Therapie aber kein eigenständiges Therapiesystem, sondern ein Werkzeug im Werkzeugkasten des Physiotherapeuten. Gerade zu Beginn einer Behandlung kann sie helfen, Patienten überhaupt erst wieder in Bewegung und Aktivität zu bringen.
Außerdem verstehe ich Manuelle Therapie auch als Denkansatz, als eine Art angewandte Physiologie. Wer sich mit Funktion und nicht nur mit Krankheit beschäftigt, bekommt darüber einen guten Zugang zum Bewegungsapparat.
Wann ist Manuelle Therapie denn ein sinnvoller Bestandteil moderner Physiotherapie?
Sinnvoll wird sie dann, wenn sie in einen guten Clinical-Reasoning-Prozess eingebettet ist. Das heißt: Ich überlege mir, was beim jeweiligen Patienten tatsächlich im Vordergrund steht. Geht es vor allem um Funktion? Spielt das Gelenk eine Rolle? Oder stehen eher Faktoren im Vordergrund, die eine Chronifizierung begünstigen, etwa Angst, Depression oder Schmerzvermeidungsverhalten? Wenn ich nur biomechanisch denke und alles andere ausblende, lande ich in einer Sackgasse.
Manuelle Therapie kann sehr gut funktionieren, wenn sie Teil eines größeren, ganzheitlichen Kontexts ist und mit aktiven Maßnahmen verbunden wird. Langfristig sollte das Ziel immer sein, aktive Therapie in den Vordergrund zu stellen. Genau diese Verbindung, also zunächst manuelle Impulse und dann aktive Therapie, findet sich auch in Leitlinien, etwa bei chronischen Nackenschmerzen oder Kopfschmerzen.
Rainer Spranz-Linke ist Physiotherapuet B.Sc., sektoraler Heilpraktiker, Dozent der FAMP (u.a. Manuelle Therapie und Physioherapie bei Kopfschmerzen) und Berufsfachschullehrer an der PGS Regensburg. Sein Vortrag „Stellenwert der Manuellen Therapie in der modernen Physiotherapie“ findet am 20. Juni von 10:30 bis 12:00 Uhr im Kongress der therapie MÜNCHEN statt. Die Teilnahme ist nur mit einem Kongressticket möglich.