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23.02.2026 therapie MÜNCHEN

Muss ein Kreuzband wirklich operiert werden?

Operation oder konservative Therapie? Auf dem Kongress der therapie MÜNCHEN 2026 stellt Eike Hirschmann, Physiotherapeut und Vorsitzender des DVMT e.V., aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zur Behandlung von Kreuzbandrissen vor und zeigt, warum pauschale Entscheidungen heute nicht mehr zeitgemäß sind.

Herr Hirschmann, bei Kreuzbandrissen galt lange Zeit die Operation als Standard. Warum lohnt es sich, diese Sichtweise heute kritisch zu hinterfragen?

Lange Zeit galt das vordere Kreuzband als nicht heilbar. Die Operation war damit die logische Konsequenz, um Stabilität und Funktion wiederherzustellen. In den vergangenen Jahren hat sich die Studienlage jedoch deutlich verändert. Es gibt Daten, die zeigen, dass auch eine konservative Behandlung sehr gute Ergebnisse erzielen kann. In Erhebungen zur Lebensqualität berichten Patientinnen und Patienten nach zwei oder fünf Jahren von hoher Zufriedenheit. Auch die Rückkehr zum Sport ist häufig mindestens vergleichbar, teilweise sogar höher als nach einer Operation.

Das bedeutet nicht, dass eine Operation grundsätzlich falsch ist. Aber die Frage sollte heute nicht mehr automatisch lauten: Wann operieren wir? Sondern vielleicht: Für wen ist welcher Weg sinnvoll?

Ein Teil Ihres Vortrags ist das Cross Bracing Protocol. Welche Rolle spielt dieser Ansatz im konservativen Management?

Das Cross Bracing Protocol ist ein Beispiel dafür, dass es inzwischen strukturierte konservative Behandlungsansätze gibt. Das Knie wird für etwa vier Wochen in einer Position gelagert, die das vordere Kreuzband möglichst in eine angenäherte Position bringt, um die Heilung gezielt zu unterstützen.

Vergleichsstudien zwischen verschiedenen Gruppen gibt es bislang noch nicht. Genau deshalb ist es wichtig, sich kritisch damit auseinanderzusetzen. Das Cross Bracing Protocol liefert zumindest einen klaren Rahmen, nach dem konservativ gearbeitet werden kann, und gibt Therapeutinnen und Therapeuten ein strukturiertes Vorgehen an die Hand.

Welche Rolle spielen psychosoziale Faktoren bei der Entscheidung für oder gegen eine Operation? Und wie können Therapeutinnen und Therapeuten hier unterstützend wirken?

Die Entscheidung für oder gegen eine Operation hängt nicht nur von medizinischen Faktoren ab. Lebenssituation, berufliche Anforderungen, familiäre Verpflichtungen oder die Möglichkeit einer längeren Immobilisation spielen eine große Rolle. Kann ich mir eine Phase mit eingeschränkter Mobilität organisatorisch leisten? Habe ich Unterstützung im Alltag? Oder habe ich vielleicht große Angst vor einer Operation oder Narkose?

All diese Aspekte beeinflussen die Entscheidung. Aufgabe der Therapeutinnen und Therapeuten ist es, diese Faktoren gemeinsam mit ihren Patienten offen zu besprechen und realistisch einzuordnen. Es geht darum, eine individuell passende Lösung zu finden, nicht um eine pauschale Empfehlung.

Was möchten Sie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Ihres Vortrags mitgeben?

Ich möchte dazu ermutigen, die konservative Behandlung als echte Option mitzudenken. Nicht jeder Kreuzbandriss muss automatisch operiert werden. Wichtig ist, die Rahmenbedingungen sorgfältig zu prüfen, gut aufzuklären und eine gemeinsam zu entscheiden. Die Rehabilitationszeiträume unterscheiden sich häufig nicht wesentlich zwischen operativer und konservativer Behandlung.

Der Vortrag „Muss ein Kreuzband wirklich operiert werden?“ findet am 19. Juni 2026 von 10:30 bis 12:00 Uhr im Kongress der therapie MÜNCHEN statt.

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