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24.03.2026 therapie MÜNCHEN

Mehr Teilhabe, bessere Gangqualität: Interview mit Carlos González Blum

Warum bleibt evidenzbasierte Gangtherapie im Alltag oft hinter ihren Möglichkeiten zurück? Carlos González Blum, neurologischer Physiotherapeut (M.Sc.) und Lehrbeauftragter für Neurorehabilitation, spricht auf der therapie MÜNCHEN 2026 darüber, was es braucht, um Teilhabe und Gangqualität wirksam zu verbessern.

Herr González Blum, Leitlinien empfehlen ein hochintensives, aufgabenspezifisches Gangtraining nach ZNS-Schädigungen. Warum klaffen Evidenz und klinische Praxis häufig auseinander?

Dafür gibt es wahrscheinlich mehrere Gründe. Grundsätzlich dauert es häufig viele Jahre, bis wissenschaftliche Erkenntnisse in die klinische Praxis übertragen werden. Ich denke, dass Initiativen nationaler Berufsverbände helfen können, den Wissenstransfer zu fördern.

Obwohl ich eine solche Initiative für Deutschland begrüßen würde, stehen wir vor grundlegenden Herausforderungen: Wissenschaftliches Arbeiten wird in der berufsfachschulischen Physiotherapieausbildung nicht ausführlich behandelt. Zudem fehlt häufig die kritische Auseinandersetzung mit der Evidenzbasis vieler gelehrter Konzepte, die noch immer auf einer Ausbildungs- und Prüfungsverordnung aus den frühen 1990er-Jahren beruhen.

Daher werden zukünftige Physiotherapeut:innen weitgehend nicht mit dem Konzept der Physiotherapie als „wissenschaftgeleitete Praxis“ sozialisiert, wie in anderen Ländern. Dies macht es für Therapeut:innen nahezu unmöglich, Forschung und Leitlinien später zu lesen, kritisch zu bewerten und in die klinische Praxis zu „übersetzen“.

Hinzu kommt die verbreitete Annahme, dass qualitativ hochwertige neurologische Rehabilitation an spezifische Behandlungsansätze oder Zertifikatspositionen wie Bobath, PNF oder Vojta gebunden ist. Diese werden jedoch seit Jahren von zahlreichen nationalen und internationalen Leitlinien nicht empfohlen.

Gleichzeitig sind sie weiterhin Teil der Heilmittelregulierung und erstattungsfähig, während evidenzbasierte Interventionen häufig nicht berücksichtigt werden. Diese Diskrepanz erschwert die Umsetzung aktueller Erkenntnisse in die Praxis.

In der therapeutischen Praxis steht oft die Gangqualität im Mittelpunkt. Besteht die Gefahr, Intensität und Qualität als Gegensätze zu betrachten?

Nach einer Schädigung des Nervensystems äußern viele Patientinnen und Patienten den Wunsch, wieder „wie früher“ gehen zu können. Dahinter stehen ganz unterschiedliche Ziele, etwa selbstständiges Gehen, mehr Sicherheit oder längere Gehstrecken. Die meisten, wenn nicht alle Betroffenen möchten auch ihre Gangqualität verbessern. Die meisten, wenn nicht alle Betroffenen möchten auch ihre Gangqualität verbessern. Studien zu verschiedenen neurologischen Erkrankungen zeigen, dass Training vor allem das verbessert, was gezielt trainiert wird. Gehtraining verbessert die Gehfähigkeit, Training der Geschwindigkeit erhöht die Geschwindigkeit und das Training in unterschiedlichen Kontexten verbessert die Anpassungsfähigkeit.

Zudem ist heute gut belegt, dass eine höhere Trainingsintensität zu besseren funktionellen Ergebnissen führt. Interessanterweise zeigen zahlreiche Studien jedoch, dass intensives Gehtraining auch die Gangqualität verbessern kann, selbst wenn diese nicht explizit im Fokus steht. Eine hohe Trainingsintensität sollte daher als eine zentrale Stellschraube auch zur Verbesserung der Gangqualität betrachtet werden.

Viele Betroffene wünschen sich vor allem mehr Teilhabe im Alltag. Was bedeutet dieser Anspruch für die konkrete Gestaltung der Gangtherapie?

Der Ausgangspunkt sollte immer die Frage sein, was Teilhabe für die betroffene Person konkret bedeutet. Welche Ziele, Bedürfnisse und Erwartungen bestehen im Alltag?

Auf dieser Basis können Untersuchung und Therapie gezielt ausgerichtet werden, idealerweise im Rahmen des biopsychosozialen ICF-Modells. Ein Top-down-Ansatz hilft dabei, die tatsächliche Leistungsfähigkeit in relevanten Alltagssituationen einzuschätzen.

Darauf aufbauend werden gemeinsam realistische Ziele definiert. In der Therapie sind dann vor allem alltagsorientierte Interventionen mit hoher Intensität und vielen Wiederholungen entscheidend. Zusätzlich können unterstützende Maßnahmen wie Hilfsmittel, etwa eine Fußheberorthese, dazu beitragen, die Teilhabe im Alltag konkret zu verbessern.

Der Vortrag „Verbesserung von Teilhabe und Gangqualität nach ZNS-Schädigungen“ findet am 20. Juni 2026 von 10:30 bis 12:00 Uhr auf dem Kongress der therapie MÜNCHEN statt. Für den Besuch ist ein Kongressticket erforderlich.

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