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18.05.2026 therapie MÜNCHEN

Mehr als X-Beine und Zyklus: Interview mit Prof. Dr. Monika Lohkamp

Wenn es um vordere Kreuzbandverletzungen bei Sportlerinnen geht, werden als Ursachen oft Anatomie und Menstruationszyklus genannt. Doch wie tragfähig sind diese Erklärungen wirklich? Prof. Dr. Monika Lohkamp erklärt, welche Faktoren in Prävention und sporttherapeutischer Praxis stärker in den Blick rücken sollten.

Viele Erklärungen zu VKB-Verletzungen bei Sportlerinnen drehen sich schnell um Beckenform oder Zyklus. Warum greift diese Sichtweise zu kurz?

Beckenform und Zyklus sind zwei sehr offensichtliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen, die auch das Verletzungsrisiko beeinflussen können. Es ist jedoch eine starke Vereinfachung, sie als Erklärung für die häufigeren VKB-Verletzungen bei Frauen heranzuziehen. Vor allem handelt es sich dabei um Faktoren, die nicht veränderbar sind. In der Realität gibt es viele weitere Einflüsse, die das Auftreten einer VKB-Verletzung begünstigen können. Zudem lässt sich eine Verletzung nur selten auf eine einzige Ursache zurückführen. Meist kommen mehrere Faktoren zusammen.

Worauf sollten Therapeutinnen und Therapeuten im Praxisalltag stattdessen genauer schauen?

Wünschenswert wäre, dass Therapeutinnen und Therapeuten im Alltag stärker in die Prävention eingebunden sind und so dazu beitragen können, individuelle Risikofaktoren zu minimieren. Dazu gehört zum Beispiel, die Kraft bestimmter Muskelgruppen und Bewegungsmuster zu optimieren, und zwar auch unter realistischen Bedingungen wie Ermüdung oder Druck durch Mitspielerinnen. Auf diese Weise kann die Belastung auf das Kreuzband reduziert werden.

Sie sprechen auch über Rahmenbedingungen und mentale Einflussfaktoren. Warum lohnt es sich gerade bei VKB-Verletzungen, den Blick über den rein körperlichen Befund hinaus zu weiten?

Grundsätzlich können ungünstige Rahmenbedingungen und negative mentale Einflussfaktoren das Verletzungsrisiko allgemein erhöhen. Wenn Frauen erst spät am Abend trainieren können, weil Trainingsplätze oder Hallen vorher belegt sind, befinden sie sich körperlich oft nicht mehr in einer optimalen Verfassung, was Verletzungen begünstigen kann. Kommen dann noch eine schlechte Platzqualität und weniger qualifiziertes Personal hinzu, steigt das Risiko weiter an. Da Frauen sowohl im Sport als auch darüber hinaus häufig weniger verdienen als Männer, kann dies zusätzliche Sorgen um die finanzielle Situation mit sich bringen. Das wiederum kann zu mehr Schlafproblemen führen, was das Verletzungsrisiko ebenfalls erhöht.

Deshalb lohnt es sich, bei Verletzungen generell auch diese Aspekte mitzudenken. Kreuzbandverletzungen stehen dabei besonders häufig im Fokus, weil sie schwerwiegend und langwierig sind und mitunter sogar das Ende einer sportlichen Karriere bedeuten können.

Prof. Dr. Monika Lohkamp ist Professorin für wissenschaftliches Arbeiten im Studiengang Physiotherapie an der SRH Heidelberg. Ihr Vortrag „Mehr als X-Beine und Zyklus“ findet am 19. Juni von 13:30 bis 15:00 Uhr auf dem Kongress der therapie MÜNCHEN statt. Die Teilnahme ist nur mit einem Kongressticket möglich.

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