Oft liest man, dass die Ursache für die häufigeren Verletzungen des VKB bei Frauen in der Anatomie liegen – und zwar in dem breiteren Becken und dem Menstruationszyklus. Allerdings wird durch diese Ansicht ein sehr komplexes Phänomen extrem vereinfacht. Frauen haben generell ein breiteres Becken als Männer, aber die extremere Valgus-Stellung, die das Kreuzband spannt, kommt bei Sportlerinnen vor allem in dynamischen Situationen (z.B. Landung vom Sprung, Richtungswechsel) vor. Daher sollte man kritisch hinterfragen, ob das am breiteren Becken oder vielleicht eher an dem neuromuskulären Bewegungsmustern liegt. Der Einfluss des Menstruationszyklus ist unklar – von den weniger als 10 Studien, die sich das Vorkommen von Verletzungen anschauen, wird kein eindeutiges Bild ersichtlich, weil jede eine andere Phase identifiziert hat, in der die meisten Kreuzbänder reißen. Dazu sind die Studien relativ alt, haben wenige Teilnehmerinnen, teilweise werden auch orale hormonelle Verhütungsmittel genutzt und die Phasen unterschiedlich definiert. Relativ eindeutig ist die Datenlage, dass durch orale hormonelle Verhütungsmittel das Auftreten von Kreuzbandrissen reduziert werden kann. Wenn diese zwei Gründe nicht wirklich ausschlaggebend sind für das Entstehen von vorderen Kreuzbandrissen, was dann? Zum einen gibt es anatomische Eigenschaften, die das Kreuzband anfälliger machen. Beispielsweise ist das Kreuzband kleiner bei Frauen als bei Männern (Barnett et al., 2021) und reißt schon bei geringeren einwirkenden Kräften (Chandrashekar et al., 2005). Zum anderen gibt es biomechanische Faktoren wie unterschiedliche Bewegungsmuster und einwirkende Kräfte (Burger et al., 2002), die die Belastung des Kreuzbandes beeinflussen. Auch haben Frauen oft weniger Core-stabilität (John et al., 2025) oder eine andere räumliche Wahrnehmung (Notarnicola et al., 2014), was eher zu Verletzungen führen kann. Ein anderer großer Einfluss sind die Rahmenbedingungen der Spielerinnen, welche u.a. die hohe Anzahl der Verletzungen während des Wettkampfes erklären könnte. Es gibt oft weniger Spielerinnen in einem Kader, so dass jede Spielerin mehr Einsatzzeiten während des Spiels hat (Danielsen et al., 2024). Dazu kommen relativ gesehen weniger Trainingszeiten, die oft unter schlechteren Bedingungen, wie mangelhafte Plätze, oder späte Uhrzeiten geknüpft sind und mit weniger qualifiziertem Personal stattfinden (Danielsen et al., 2024). Auch mentale Komponenten beeinflussen das Verletzungsrisiko. Z.B. haben Frauen öfter Ein-und Durchschlafprobleme als Männer (Vorster et al., 2024), mehr negative Lebensereignisse (z.B. Finanzen, interpersonelle Konflikte…)(Walton et al., 2021) oder mehr Depressionen und Ängstlichkeit (Henderson et al., 2023), die alle eine Anfälligkeit für Verletzungen erhöhen. Dies sind einige Beispiele von Einflüssen auf die Entstehung von Kreuzbandrissen bei Frauen, die oft in unterschiedlichen Kombinationen vorhanden sein müssen, dass es zu einer Verletzung kommt.