Der Beitrag stellt ein praxisorientiertes Konzept zur Anwendung der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) im Kontext einer biopsychosozial verstandenen Physiotherapie vor. Ausgangspunkt ist die Abkehr von einem rein reparaturorientierten, biomedizinischen Versorgungsverständnis hin zu einem patientenzentrierten Gesundheitsmanagement, das körperliche, psychische und soziale Einflussfaktoren dynamisch integriert. Auf Basis des BPS-ICF-Modells wird die individuelle Funktionsfähigkeit als Ergebnis intrinsischer Kapazitäten (z. B. Lokomotion, Kognition, psychische Funktionen) und sich verändernder Kontextfaktoren (Selbstwirksamkeit/Selbstbestimmung über die Lebensspanne beschrieben, wobei Gesundheit als „Stabilität durch Veränderung“ konzipiert wird und "Teilhabe unter Selbstkontrolle" die Essenz darstellt. Zentral wird ein zweistufiges Patientenmanagement entwickelt, das einen Anamnese- und Screeningpfad (Pfad 1) mit einem Untersuchungs- und Befundungspfad (Pfad 2) verknüpft und diese in ein zielorientiertes Therapiemanagement mit Maßnahmenpfad (Pfad 3) überführt. Im Sinne eines rückwärtsgerichteten, teilhabeorientierten Vorgehens beginnt die Analyse bei den individuellen Partizipationszielen, leitet daraus Aktivitätsprobleme sowie strukturell-funktionelle Beeinträchtigungen ab und ergänzt diese um personen- und umweltbezogene Barrieren und Förderfaktoren. Die resultierende kapazitive Einschätzung der ICF-Komponenten stützt sich auf validierte Assessments und ermöglicht eine SMART formulierte, patientenzentrierte Therapieplanung. Das Modell versteht die fünf ICF-Komponenten als gleichberechtigte „Säulen“ eines komplexen Systems, in dem Veränderungen einer Komponente stets Auswirkungen auf die anderen haben und therapeutisch berücksichtigt werden müssen. Hervorgehoben wird die Notwendigkeit, Empowerment-Strategien und psychologisch informierte Kommunikationsformen zu integrieren, um Motivation, Selbstwirksamkeit und langfristige Adhärenz zu fördern. Insgesamt liefert der Beitrag einen strukturierten, klinisch anschlussfähigen Handlungsrahmen, mit dem Physiotherapeut*innen biopsychosoziale Zusammenhänge systematisch erfassen und in ein transparentes, ICF-basiertes Patienten- und Therapiemanagement überführen können.