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Das Nervensystem als Schlüssel der Therapie: Interview mit Hady Daboul
Bewegung, Schmerz und Wahrnehmung werden vom Nervensystem gesteuert. Hady Daboul, Arzt, Neurowissenschaftler und neurofunktioneller Trainer, zeigt auf der therapie MÜNCHEN 2026, wie sich Therapie durch den gezielten Blick auf das Nervensystem neu denken lässt.
Herr Daboul, Sie stellen in Ihrem Vortrag das Nervensystem als übergeordnetes Regulationssystem in den Mittelpunkt. Warum reicht es nicht, Beschwerden nur strukturell oder rein muskulär zu betrachten?
Wenn wir verstehen wollen, wie Beschwerden entstehen, müssen wir uns zuerst anschauen, wie der Mensch grundsätzlich funktioniert. Strukturen wie Muskeln, Gelenke oder Knochen werden immer vom Nervensystem gesteuert. Das Gehirn ist dabei das übergeordnete System, das letztlich Bewegung organisiert.
Das gilt auch für Schmerz. Wir können Schmerzen empfinden, ohne dass eine Struktur direkt betroffen ist, etwa bei Phantomschmerzen. Das zeigt, dass Schmerz vor allem im Nervensystem entsteht und verarbeitet wird.
Ein einfaches Beispiel: Wenn wir im Kino sitzen und völlig in einen Film vertieft sind, nehmen wir Schmerzen oft kaum wahr. Das verdeutlicht, wie stark das Gehirn beeinflusst, was wir spüren.
Deshalb reicht es nicht aus, nur die Struktur zu betrachten. Eingeschränkte Beweglichkeit bedeutet nicht immer, dass etwas „nicht geht“, sondern oft, dass das Nervensystem die Bewegung aktuell nicht freigibt, weil es sich nicht sicher genug fühlt.
Was bedeutet dieser Blick auf das Nervensystem konkret für die therapeutische Arbeit im Alltag?
In der Praxis arbeiten wir nicht komplett anders, aber bewusster. Es geht weiterhin um Bewegung, nur mit einem erweiterten Verständnis.
Ein Beispiel: Bei Schulterschmerzen kann es sinnvoll sein, über die gegenüberliegende Hüfte zu arbeiten. Das wirkt zunächst ungewohnt, ergibt aber Sinn, weil Bewegungen immer durch unbewusste Stabilisationsmechanismen abgesichert werden.
Für das Nervensystem ist Stabilität entscheidender als die eigentliche Bewegung. Wenn diese unbewussten Prozesse gestört sind, kann das Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen begünstigen.
Therapie bedeutet dann oft, zuerst Sicherheit im System herzustellen. Man kann es sich wie ein „Warm up“ für das Nervensystem vorstellen. Das kann über andere Gelenken, über Augenbewegungen, Kopfpositionen oder sensorische Reize über die Haut erfolgen. Ziel ist immer, dem Nervensystem genug Sicherheit zu geben, damit Bewegung wieder möglich wird.
Wo wird das Nervensystem in der Therapie noch zu wenig berücksichtigt?
Ein großer, oft unterschätzter Bereich ist die Sensorik. Viele erwarten bei neurofunktionellen Ansätzen etwas Komplexes, dabei liegt das Potenzial häufig in sehr einfachen Dingen.
In der Praxis wird nach Verletzungen oder Operationen die sensorische Wahrnehmung eines Gelenks oft kaum überprüft oder gezielt trainiert. Dabei ist genau das eine zentrale Grundlage.
Wenn das Gehirn nicht genau weiß, wo sich ein Gelenk im Raum befindet, kann es Bewegung nicht präzise steuern. Schon wenige Minuten gezielte Arbeit an der Sensorik können spürbar mehr Beweglichkeit und weniger Schmerzen bringen.
Hier liegt aus meiner Sicht eines der größten ungenutzten Potenziale, weil dieser Bereich häufig nicht ausreichend genau und systematisch berücksichtigt wird.
Der Vortrag „Neurofunktionelle Ansätze für die tägliche Therapie“ findet am 20. Juni 2026 von 10:30 bis 12:00 Uhr auf dem Kongress der therapie MÜNCHEN statt. Für den Besuch ist ein Kongressticket erforderlich.